Kriegsbeute entdeckt

von Gerhard Helm, V2-Research-Group

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Royal Engineer Museum, Gillingham/Kent 2012

 

Auch das gibt es heute noch: Die Anzahl der bisher bekannten, kompletten V2-Raketen in diversen Museen rund um die Welt hat sich um eine erhöht.

Vor drei Jahren wurde berichtet, daß ein nicht-öffentliches Museum der britischen

Royal Army in Chattenden (Kent) geschlossen werden sollte und einen Platz sucht, um eine dort seit Jahrzehnten unbeachtet gelagerte V2-Rakete unterzubringen. Die Verantwortlichen wandten sich an die V2-Research-Gruppe um zu erfahren, wie mit einem solchen Gerät zu verfahren sei. Zwei der englischen Mitglieder der Gruppe besuchten das Museum und machten eine erste Bestandsaufnahme.

Das Gerät bestand aus einem Heckteil mit nahezu komplettem Antriebsblock sowie dem Mittelteil mit Spitze, die aber nichts enthielten. Die beiden Tanks fehlten, im Geräteraum  waren nur noch die drei Druckluftflaschen. Der äußere Zustand des Gerätes machte einen sehr demolierten Eindruck, teils durch Kriegsschäden, teils wurden Bleche entfernt zur besseren Einsicht.

Was nicht weiter verwundert, denn Nachforschungen ergaben, daß die Rakete bei Kriegsende von den Britischen Truppen in der Nähe von Nienburg/Weser zusammen mit einigen anderen aufgefunden wurde.

Deutsche Truppen auf dem Rückzug hatten die Raketen auf Eisenbahnwagen dort zurückgelassen. Durch Sprengungen und alliierte Luftangriffe gab es schwere Beschädigungen. 

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Chattenden/Kent 2011

                                                   Nienburg/Weser 1945  >>                                                                      

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 Seit 1945 wurde das Gerät zu verschiedenen Anlässen als Kriegsbeute ausgestellt, so z.B. auf dem Marktplatz von Mansfield/Nottinghamshire. Vermutlich erst in den 1960er Jahren wurde es in Chattenden eingelagert.

Das Royal Engineers Museum in Gillingham (Kent) bot sich als neue Heimat an, nachdem klar war, daß Bemühungen, die Rakete nach Peenemünde zu holen, keinen Erfolg haben würden.

 

IMG_7428a (1)-cut-a.jpgmove-bb-aug10-001-cut-a.jpgIm Sommer 2012 wurde die V2 zur Überholung von Chattenden nach Cambridge geschafft. Dort sollte sie von der Firma Borley Brothers überholt  werden. Die Firma hatte schon einige V2 für das Imperial War Museum und das Science Museum bearbeitet und somit  reichlich Erfahrung gesammelt. Sie wurde unterstützt von der Researchgruppe, die betont hatte, wie sorgfältig man mit dem Gerät umgehen sollte, da es außer dem Gerät im Australian War Memorial in Canberra/Australien womöglich das einzigste  noch original erhaltene Gerät ist, zumindest das Heckteil mit Antrieb. Es mußte verhindert werden, daß es sozusagen „zu Tode“ renoviert wurde wie leider viele Geräte. Es sollte möglichst nur „entstaubt und gereinigt“ werden ohne große Veränderungen. Nur die schlimmsten Schäden wurden der Sicherheit wegen beseitigt. Das gelang bei Borley Brothers auch bemerkenswert gut.                                                                                                                            Werkstatt von Borley Brothers

 

Giligham ex Chattenden.jpg Das renovierte Gerät wurde im September 2012  nach Gillingham transportiert und hat nun seinen festen Platz im Royal Engineering Museum erhalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bilder:

Catherine Byrne (REM), Gillingham

Murray Barber

John Pridige

Dean Coupar

V2-Research-Group UK

 

Der Vorstand informiert

 

 

1.     Am 25. März 2013 hat die Bürgerinitiative „Gegen Deichrückbau“ ihre Jahreshauptversammlung durchgeführt.

            Teilnehmer von unserem Verein waren Herr Höll, Herr Frenzel und Herr Felgentreu.

            Unser Verein ist Mitglied in der  Bürgerinitiative und unterstützt alle Forderungen zur          Erhaltung der Denkmallandschaft Peenemünde.

 

            Die Denkmallandschaft Peenemünde würde perspektivisch einer dauerhaften Überflutung             ausgesetzt und damit nicht mehr zugänglich. Gerade die Thematik des Denkmalschutzes            hat durch das im März 2012 vorgelegte Gutachten zum Denkmalstandort Peenemünde           eine entscheidende Dimension erhalten. Dieses Gutachten ordnet nicht nur den     Denkmalschutzwert des Standortes Peenemünde in die internationale Spitze ein,sondern   spricht sich explizit für die Erhaltung des Peenestromdeiches aus, der als einziges aus der         Zeit der Heeresversuchsanstalt stammendes Bauwerk noch seine            ursprüngliche Funktion        ausübt. Eine Deichöffnung  zerstört den Deich als Denkmal!

            Die begrüßenswerten Konzepte der Landesregierung für die Entwicklung Peenemündes             und speziell des HTM sind inhaltlich unvereinbar mit einem Deichrückbau.

 

Darum: Sofortiger und endgültiger Stopp der Deichrückbaupläne!

 

             (Auszug aktuelle Schrift der Bürgerinitiative)

 

            Nähere Informationen über dieses Problem findet man unter.

 

                  www.kein-deichrückbau-usedom.de

 

            Herr Dr. Rainer Höll wurde als Vorsitzender der Bürgerinitiative wiedergewählt.

 

            Die Jahreshauptversammlung hat sich mit einem Brief an den Ministerpräsidenten

            des Landes Mecklenburg-Vorpommern gewandt. (siehe Beilage)

           

           

2.     Der Förderverein Technikmuseum „Wernher von Braun“ e. V. hat am 13. April 2013

            in Peenemünde seine Jahreshauptversammlung durchgeführt.

            So wie es das Protokoll aussagt ist der alte Vorstand auch der neue Vorstand.

            Volkmar Schmidt bleibt Stellvertreter des Vorsitzenden Joachim Reuter.

            Wesentlich für uns:

                        - Wir organisieren die Vorträge am 28.09.2013 im Haus des Gastes in

                           Karlshagen gemeinsam (Referenten)

                        - Den Förderverein Technikmuseum haben wir zur gemeinsamen Kranznieder-

                          legung auf dem „Friedhof der Bombengetöteten“ eingeladen.

                        - Eine 3D-Animation des P VII zu erstellen ist eine gute Idee. Dafür will der

                          Verein Sponsoren suchen.

 

Klaus Felgentreu

2. Vorsitzender

 

 

 

 

Höchster Preis in der europäischen Denkmalpflege für HTM

 

 

PRESSEINFORMATION

 

Historisch-Technisches Museum Peenemünde erhält

European Union Prize for Cultural Heritage / Europa Nostra Award

 

 

 

Die Europäische Kommission und der europäische Dachverband Europa Nostra haben heute die diesjährigen Gewinner des Preises der Europäischen Union für das Kulturerbe („European Union Prize for Cultural Heritage / Europa Nostra Awards“) bekanntgegeben. Aus den fast 200 nominierten Projekten wurden 30 Gewinner für ihre Leistungen in folgenden vier Bereichen geehrt: Erhaltung, Forschung, engagierter Einsatz sowie Bildung, Ausbildung und Bewusstseinsbildung.

 

Das Historisch-Technische Museum Peenemünde (HTM) erhält den höchsten Preis in der europäischen Denkmalpflege in der Kategorie I - Restaurierung / Konservierung für das Ende 2011 abgeschlossene Restaurierungsprojekt im Kraftwerk Peenemünde, dem größten Industriedenkmal Mecklenburg-Vorpommerns.

 

Schwerpunkte des Projektes waren die Sanierung von Mauerwerk und Anlagen des Kesselhauses, des Brecherhauses mit dem Schrägaufzug, des Siebhauses und der Bekohlungsanlagen und der Kranbahn. Alle Restaurierungsprojekte wurden mit hohen ethischen und fachlichen Ansprüchen vorbereitet und ausgeführt. Im Einklang mit den Denkmalschutzgesetzen des Landes Mecklenburg-Vorpommern, nationalen und internationalen Richtlinien zum Umgang mit Denkmälern und Ensembles und der Charta von Burra, wurden sie geplant und an den einzelnen Objekten verwirklicht. Die Ergebnisse der Restaurierungsmaßnahmen unter fachlicher Leitung des Metallrestaurators Wolfgang Hofmann

finden national und auch international große Beachtung.

 

Das Projekt wurde mit Mitteln des Bundeskonjunkturpaketes II in 2010 und 2011 gefördert. Unser Dank gilt heute allen Beteiligten und Förderern, insbesondere dem Planungsbüro AIU Stralsund, der Gemeinde Peenemünde, dem Amt Usedom Nord, der unteren und oberen Denkmalschutzbehörde sowie dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

 

Die Preisverleihung am 16. Juni im Odeon des Herodes Atticus in Athen erfolgt in Anwesenheit der EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend, Androulla Vassiliou, und des Vorsitzenden von Europa Nostra, des weltberühmten Tenors Plácido Domingo. Karolos Papoulias, der Präsident Griechenlands, hat die Schirmherrschaft der Veranstaltung übernommen und wird voraussichtlich ebenfalls teilnehmen.

 

 

Peenemünde, den 26.03.2013

 

 

 

M. Gericke

Geschäftsführer

HTM Peenemünde GmbH

 

Das HTM gehört zu den diesjährigen Gewinnern des Preises für Kulturerbe der Europäischen Union und des europäischen Dachverbandes Europa Nostra.

Gelobt wurde der sensible Umgang mit den Spuren der Peenemünder Geschichte. Großen Anteil daran hat der Metallrestaurator Wolfgang Hofmann. Er leitete die Arbeit fachlich und erarbeitete akribisch die Unterlagen für die Bewerbung. Alles Weitere lest bitte in den Presseinformationen der Europa Nostra und des HTM.

 

kf

 

Eine Geschichte der Raketen-Technik – (Teil II)

 

Wernher von Braun in Reineckendorf

Bild aus: „Raketenspuren“, Bechtermünzverlag

In diesem Infoblatt wollen wir die Mitglieder der „Historischen Arbeitsgemeinschaft Peenemünde“ (HAP) weiter zu Wort kommen lassen.

Sehr intensiv befassten sie sich mit den

V O R A U S S E T Z U N G E N, die zur Entwicklung von Raketen in den 20er und 30er Jahren führten.

Sie schrieben:

 

Es ist problematisch, den historischen Umständen des Umfeldes einer wissenschaftlich-technischen Innovation nachspüren zu wollen; dies sowohl hinsichtlich erfolgreicher Entwicklungen wie aber besonders solchen, denen kein Erfolg beschieden war. Bezüglich der Flüssigkeitsrakete, fliegender und nachgesteuerter Bomben, der Halbleiter- und Funkmess-Technik usw. fällt dies – abgesehen von dem Dokumentenverlusten 1945 – um so schwerer, als die Ursprünge dieser

Entwicklung in einen Zeitraum der deutschen Geschichte fallen, der einerseits von äußeren extremen politischen Einschränkungen und anderseits von einem binnenwirtschaftlichen Tief bis dahin unbekannten Ausmaßes gekennzeichnet war. Umso erstaunlicher ist es, dass gerade in dieser Phase eine zunächst wissenschaftliche, dann experimentelle und letzten Endes umfassend methodische Grundlegung dieser Technologie erfolgte, die unsere Gesellschaft gegenwärtig umformt und voraussichtlich noch weitere Generationen beeinflussen wird.

 

Sinn dieser Darstellung soll daher sein, einen Zugang zum besseren Verständnis eines bislang im Wesentlichen nur in einigen Teilbereichen auswirkungsgemäß registrierten Phänomens zu ermöglichen. So wurde z. B. zwar die EDV-Textverarbeitung als „Jobkiller“ herausgestellt, dabei aber völlig übersehen, dass die EDV-Technik eben nur eine Auswirkung der viel umfassenderen „Progresstechnik Raumfahrt“ ist. Denn durch den in Kummersdorf und Peenemünde erkannten Zwang zum extremen Hochleistungs-Leichtbau, z. B. der zu entwickelten Raketen, ergaben sich langfristig zwangsläufig billige Massenprodukte als „Nebenprodukte der Raumfahrt“, u. a. auch Kleincomputer und Taschenrechner.

 

Es wurde u. a. von W. Dornberger („Peenemünde, Seite 29) darauf hingewiesen, dass der Versuch einer Umgehung des Verbots schwerer und weitreichender Artillerie durch den Versailler Vertrag zur Entwicklung der Flüssigkeitsrakete in Deutschland führte. Das ist sicherlich richtig gesehen, aber dennoch nur ein Gesichtspunkt zur Klärung des historischen Zusammenhanges. Es mussten zu diesem Zeitpunkt noch eine Reihe weiterer Voraussetzungen gegeben sein, damit aus diesem Wunsch ein technisches Produkt realisiert werden konnte.

 

Vorrangig musste diesem „Bedarf“ ein entsprechendes „Angebot“ gegenüberstehen oder kurzfristig entsprechen können.

 

Weiterhin musste das allgemeine technische Umfeld – auch personell und ausbildungsmäßig  ein Niveau erreicht haben, das z. B. auch mess- und fertigungstechnisch die Realisierung auch höchst anspruchsvoller Konstruktionen zuließ. 

 

Eine weitere Voraussetzung für eine Serienfertigung sind ausreichende logistische und infrastrukturelle Möglichkeiten, d. h. die erforderlichen Materialien mussten qualitativ wie quantitativ ausreichend verfügbar und auch transportierbar sein.

 

Indirekt wirkend, musste darüber hinaus das „gesellschaftliche Umfeld“ in der allgemeinen Stimmungslage für eine derartige Entwicklung tragfähig sein.

 

Alle diese Voraussetzungen müssen auch noch zum gleichen Zeitpunkt gegeben sein, wie eine Vielzahl guter, aber nicht realisierbarer Ideen in der Geschichte der Technik zeigen.

 

Wahrscheinlich hat man sich im HWA über diese komplexen Zusammenhänge keine Gedanken gemacht, als 1929 der damalige Obers Dr.  Becker „Versuche über die Verwendung des Strahlantriebes für militärische Zwecke“ anordnete – jedenfalls konnten bislang hierzu keine Unterlagen oder Hinweise gefunden werden. Und noch unwahrscheinlicher ist es, dass sich damals militärische Dienststellen mit der volkswirtschaftlichen Problematik „langwelliger Konjunktur-Zyklen“ eines Professor Joseph Schumpeter auseinandersetzten – und dennoch handelten sie „Zyklusgerecht“.

 

Es sein in diesem Zusammenhang in Erinnerung gerufen, dass sich – vereinfacht ausgedrückt die volkswirtschaftlich konjunkturelle Entwicklung langfristig als eine Sinuskurve darstellen lässt. Der untere „negative Kurventeil“ entspricht „wirtschaftlichen Depressionen“(im Extremfall „Krisen“), während der obere „positive Teil“ den Verlauf eines „Wirtschaftsaufschwunges“ demonstriert. Schumpeter und Kondratjew haben diesen sich über Jahrhunderte wiederholenden Wirtschaftsablauf nachgewiesen und als „langwellige Konjunktur-Zyklen“ (als Gegensatz zu kurzfristigen Störungen) bezeichnet.

 

Nachdem es gelungen war, „Progressivtechnik als eine sich bis zur gesellschaftlichen Umformung auswirkende Technik“ zu definieren, konnte nachgewiesen werden, dass sich derartige Techniken stets in Zeiten wirtschaftlicher Depression entwickeln und dann durch einen – also innovativen – Impuls einen wirtschaftlichen Aufschwung bewirken. Es ist verblüffend, wie – über fast zwei Jahrhunderte – der Einsatz einer derartigen Progressivtechnik in den unterschiedlichsten Ausprägungen und Formen mit einer volkswirtschaftlichen Depression (oder Krise) korrespondiert. Markanteste Beispiele sind Dampfmaschine und Eisenbahn, die im 19. Jahrhundert wohl am nachhaltigsten zur Bildung völlig neuartiger Berufe und damit gesellschaftlicher Umstrukturierungen beitrugen.

 

Unbewusst hatte man genau den Zeitpunkt „erwischt“, der aus den skizzierten hintergründigen Zusammenhängen, die Entwicklung der Hauptkomponente eines neuen Transportsystems zuließ, die Rakete.

 

Aber stimmen auch die anderen Voraussetzungen?

 

Betrachtet man die äußeren politischen Rahmenbedingungen der 20er Jahre, so waren sie im wesentlichem durch die Auflagen des Versailler Vertrages, der in breiten Bevölkerungskreisen als „Diktat“ empfunden wurde, gekennzeichnet. Daraus ergab sich nicht nur massenpsychologisch eine restaurative – einen früheren Zustand wiederherzustellen wollende – Grundstimmung in fast allen Bevölkerungsschichten dieser Zeit und insbesondere in der heranwachsenden Generation, sondern auch die aktive Suche nach Auswegen aus diesem Dilemma. Besonders die Jugend „erlebte“ – als vermeintliche Folge von Pressionen der damaligen Siegermächte – Inflation, zunehmenden wirtschaftlichen Niedergang in der zweiten Hälfte der 20er Jahre, Demokratie mit wechselnden Zielen usw. – sie „erlebte“ eine Gegenwart ohne Zukunft.

 

Als Bestätigung dieser „Erfahrungen“ wurde dann der Schwarze Freitag von 1929 gewertet, obwohl dies nur in Bezug auf das Deutsche Reich die Auswirkung einer sich aus dem Konjunktur-Zyklus herleitenden Wirtschaftskrise war. Aber wer wusste das damals schon!

 

 

Volkswirtschaftliche Depressionen führen aber auf der betriebswirtschaftlichen Ebene zur Suche nach neuen Produkt-Innovationen. Es ist daher kein Wunder, dass die 20er Jahre von einer Fülle von Ideen und neuer Marktangebote gekennzeichnet waren. Begierig wurden diese neuen Ideen – und seien sie noch so utopisch! – aufgegriffen, neue Konzepte diskutiert und zu realisieren versucht.

 

Prof. Werner Heisenberg beschreibt die Grundstimmung dieser Jahre so: „Der Anfang der 20er Jahre folgte unmittelbar auf die Niederlage im 1. Weltkrieg und die daraus folgende Auflösung des Deutschen Reiches …mit ihrer materiellen Not. Für die damals jungen Menschen …war diese Zeit nicht ein Ende, sondern ein Beginn. Die neuen Möglichkeiten zogen auch magnetisch eine Fülle junger Begabungen an …im Ganzen überwog eine gesunde Vitalität, die auf vielen Gebieten der Kunst und Wissenschaft wertvolles schaffen konnte“.

 

Seit Ausgang des 19. Jahrhunderts bearbeiteten Wissenschaftler und experimentierende Techniker das Probleme des „Fliegens mit Maschinen schwerer als Luft“ und auch schon deren Hochgeschwindigkeitsflug bis hin zu Raumflugideen. Wohl mehr intuitiv als wissenschaftlich-technisch fundiert wird schon relativ früh auch der „Strahlantrieb“ mit in die Betrachtungen zur Lösung des Problems einbezogen. Aber erst die Anfang der 20er Jahre unseres Jahrhunderts bekannt werdenden Arbeiten Ziolkowskis und Goddards und insbesondere die 1923 erfolgte Veröffentlichung „Die Rakete zu den Planetenräumen“ von Hermann Oberth führen zu wissenschaftlichen fundierten Konzeptionen, die dann viele Ingenieurs-Experimentatoren zu systematischen Arbeiten veranlasst.

 

Getragen von dieser Stimmung „gesunder Vitalität“ wuchs eine neue Generation Wissenschaftler und Techniker heran, die aufgrund ihrer Qualifikation auch in der Lage waren, unkonventionelle Wege zu beschreiten und in Neuland vorzustoßen, also Wege aus einer mehr oder minder trostlosen Gegenwart in die Zukunft zu suchen. Einige Beispiele, die auch für die Raketenentwicklung, den Flugzeugbau und viele andere technische Bereiche von Bedeutung, teilweise sogar Voraussetzung der Vervollkommnung werden sollten, mögen das Bild dieser Jahre – ohne Anspruch auf Vollzähligkeit – skizzieren:

1922 Polymere, 1925 Foto-Theodolit, 1925 1. Fernsehvorführung, 1929 Schlieren- Windkanal-Fotographie, 1928 Impulszeit-Fernmessverfahren, 1929 Mehrachsenkreisel-Steuerung, 1927 Buna usw.

In diesem Jahrzehnt wurden die Grundlagen der Flieg-Normen geschaffen, neue Materiallegierungen industrieller Standard und die Fertigungsgenauigkeit so hoch getrieben, dass Endmaße mit 0,001 mm Toleranz erforderlich und hergestellt wurden. Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten im quantitativen (Absatz)Bereich konnte das qualitative Niveau wesentlich ausgeweitet und gesteigert werden.

 

Und hinsichtlich der infrastrukturellen Voraussetzungen stand eines der dichtesten Eisenbahnnetze der Welt und ein z. T. durch Arbeitsbeschaffungsprogramme, modernisiertes Straßennetz zur Verfügung, das auch die Lösung größter logistischer Aufgaben zuließ, zumal die Einführung des „Reichskraftfahrtarifes“ eine Konkurrenz Schiene/Straße weitgehend unterband und eine Frachtkostenminimierung anstrebte. Dadurch waren, auch dann, wenn die Heeres-Vorzugstarife nicht genutzt werden konnten, besonders Massenverladungen immer noch einigermaßen kostengünstig durchführbar.

 

Insgesamt gesehen trafen Ende der 20er Jahre also alle Voraussetzungen zeitgleich zusammen, um eine neue Progressivtechnik „auf den Weg zu bringen“.

 

Zwar wurde zunächst überwiegend mit Pulverraketen – auch beim HWA – experimentiert, jedoch wurde aufgrund der Oberth-Veröffentlichung doch recht bald in Deutschland erkannt, dass Flüssigtreibstoffe höhere Ausströmgeschwindigkeiten und damit bessere Leistungen der Raketen ermöglicht. Ungeklärt blieb dabei zunächst, ob die Vermischung von Kohlenwasserstoffen (z. B. in der Form von Benzin) mit flüssigem Sauerstoff bei Zündung nicht zur sofortigen Explosion führen würde. Dieses Problem konnte durch ein Gutachten vom 23.06.1930, aufgrund einer von Einstein befürworteten Demonstration durch Hermann Oberth und Rudolf Nebel, seitens der Chemisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin-Plötzensee „von Amts wegen“ geklärt werden. Die eindeutige Aussage des Gutachters war: „Verbrennung ohne Explosion möglich“!

Hermann Oberth war der erste, der in Verbindung mit dem Gedanken einer wirklichen Weltraumfahrt zum Rechenschieber griff und zahlenmäßig durchgearbeitete Konzepte und Konstruktionsentwürfe vorlegte." (Wernher von Braun im Vorwort zur Neuausgabe des Buches 1960)

Foto: Weltraumladen.com

 

War mit diesem Gutachten auch der jahrelange „Expertenstreit“ beendet worden, so diente es anderseits staatlichen und privaten Institutionen als „Rückversicherung“ zur Förderung der mit Flüssig-Treibstoffen und –Oxydatoren betriebenen Raketenprojekte – u. a. dem HWA bei der Begründung einer Ausweitung der „Versuche über die Strahlantriebe“ in Kummersdorf.

 

Die Klärung dieses grundsätzlichen Problems zeigte aber auch schon die Gesamtproblematik dieser Flüssigkeitsraketen. Dieses neuartige Transportmittel erforderte neben der Beherrschung chemischer Prozesse eine regelungstechnische Präzision, die bis dahin unbekannt war; führte zu bautechnischen Genauigkeitsforderungen und Normen bislang unvorstellbarer Größen. Diese Technik musste von Grund auf neu entwickelt werden – Vorbilder gab es nicht!

 

Hinzu kam, dass es sich um eine Komplextechnik handelte, d. h. dass eine Vielzahl von Einzelfunktionen, von Bauteilen, Baugruppen, Regelungs- und Steuerelementen usw. auf einander abgestimmt und zu einem funktionsfähigen „Aggregat“ vereinigt werden mussten. Und neben den technischen Problemen musste eine Fülle wissenschaftlicher Fragen geklärt werden, die bis dahin bestenfalls von akademischem Interesse gewesen waren.

 

Kein Wunder, dass – nach einigem Herumexperimentieren – spätestens an Ende 1932 eine umfassende Grundlagenforschung anläuft, die dann bis 1945 etwa 920 Begriffe und deren Kombinationen als Kennzeichen der verschiedenen Arbeitsgebiete umfassen wird. Peenemünde (Ost) war eben nicht nur das A4!“

 

Soweit zu den Voraussetzungen für die Entwicklung der Raketentechnik, die die Historische Arbeitsgemeinschaft Peenemünde (HAP) erarbeitet hat.

Im nächsten Infoblatt geht es um die Anfänge der A4-Zielpunktermittlung.

 

kf

Ein Sohn erinnert sich

 

Am 13. Mai 2013 erschien in der Ostseezeitung auf Seite 12 ein Artikel mit der Überschrift:

 

Von Hannover über Usedom in die Provence

 

Horst Deuker                               Foto: OZ

Horst Deuker, der Sohn des Raketenspezialisten aus Peenemünde, schildert seine Kindheit auf der Insel Usedom. Seine Familie wohnte ab 1943 in Koserow im „Haus Dornröschen“.

Über seinen Vater, Ernst August Dr.- Ing. Deuker, geboren am 19.09.1912, haben wir Dank dem Archiv des HTM herausgefunden, dass er von 1943 bis 1945 in Peenemünde war. Er war Mathematiker und im Flak-Versuchs-Kommando eingesetzt. Er arbeitete an der Entwicklung der Rakete Wasserfall mit.

Nach dem Krieg ging er mit Wernher von Braun nicht mit nach Amerika. Frankreich zeigte Interesse an dem Raketenspezialisten aus Peenemünde. In Vernon arbeitete er an geheimen Rüstungsprojekten der Franzosen mit, sowie an der Entwicklung der europäischen Ariane-Rakete.

Dr.-Ing. Ernst August Deuker ist 1982 verstorben.

 

kf

 

 

Ostsee-Zeitung 13.05.13

 

Merindol/Usedom

Von Hannover über Usedom in die Provence

Horst Deukers Vater war Raketenspezialist in Peenemünde. Für seine Kinder war der Strand das Paradies, bis der Krieg kam. Sein Sohn erinnert sich an die Kindheit auf Usedom.

13.05.2013 00:00 Uhr

 

Merindol. Mitten in der Provence steht das kleine Dorf Merindol. Und mitten in Merindol befindet sich ein umgebauter Schafstall. Horst Deuker sitzt mit übergeschlagenen Beinen in einem kargen Raum mit vielen Stühlen. Es riecht ein wenig nach Wolle und Heu. Der Vorsitzende des Geschichtsvereins klopft auf das dicke Gästebuch: „Immer wieder kommen Leute mit Waldenser Wurzeln zu uns.“ Über die Waldenser weiß man hierzulande nicht viel. Die Freigeister wurden vom Mittelalter an als Ketzer verfolgt. Ihr Schicksal ist verwoben mit dem der Hugenotten und Hussiten.

Deukers Geschichtsverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, all dies genauer zu erforschen. Der hochgewachsene weißhaarige Mann spricht frei, strukturiert und flüssig. Nur manchmal sucht er nach einem passenden deutschen Wort und fällt dabei ins Französische. Der 75-Jährige wurde in Hannover geboren, lebte als Kind auf Usedom und später in Frankreich, dort war er als evangelischer Pfarrer tätig.

 

Seit er im Ruhestand ist leitet er den Verein. Die Geschichte der Waldenser ist bei ihm in profunden Händen. Aber wie er von Hannover über Usedom nach Merindol kam, ist noch mal eine eigene Geschichte, die man eher zufällig erfährt.

„Mein Vater arbeitete als Raketenspezialist an der Entwicklung der V2 in Peenemünde. Wir bewohnten in Koserow das ‚Haus Dornröschen‘. Es lag auf der linken Seite einer kleinen schnurgeraden Straße, die von der Hauptstraße bis zum Kiefernwäldchen und dann zum Meer führte. Für mich waren Koserow, das ‚Dornröschenhaus‘ und das Paradies gleichbedeutend — trotz dieser schrecklichen Kriegszeit.

Ostern 1944 wurde ich eingeschult. In der Ostsee habe ich schwimmen gelernt und kann mich noch gut erinnern, wie ich versuchte von einem Pfeiler der Seebrücke zum anderen zu schwimmen. Meine Eltern hatten natürlich einen Strandkorb gemietet. Andere Stranderlebnisse waren die Versuche an der unheimlichen V2, die mit viel Lärm und Feuer durch den Sommerhimmel flog. Beim großen Bombenangriff auf Peenemünde im August 1943 versammelte sich die ganze Nachbarschaft nachts in unserem Hof, wir schauten mit Entsetzen nach Westen in den erleuchteten Himmel. Am nächsten Morgen zogen Scharen von Evakuierten und Verletzten durch Koserow. Anfang 1945 wurden die Peenemünder Einrichtungen nach Thüringen verlagert, dort feierten wir Anfang März 1945 meinen 7. Geburtstag.“

Bekanntlich warben nach dem Krieg Amerikaner, Engländer, Franzosen und Russen um die deutschen Ingenieure. Auch um den Raketenspezialisten Deuker. Aus Amerika fragte Wernher von Braun an. „Doch eine so große Entfernung von der Familie wollten meine Eltern nicht auf sich nehmen,“ erinnert sich Horst Deuker. Der Vater folgte dem Ruf der französischen Regierung und arbeitete später mit etwa 150 anderen Deutschen in der Normandie. Die Zeit in Frankreich habe der Vater als die „schönsten Jahre“ bezeichnet. Die Zeit auf Usedom hingegen war vom Krieg geprägt, in dem Mutter und Vater einen Bruder verloren. Der Krieg hatte auch die Universitätslaufbahn des Vaters jäh beendet, doch „... trotz allem haben sie das Haus und den Strand in Koserow sehr geliebt,“ weiß Horst Deuker. Nach der Wende besuchten seine Schwestern die Insel und das Museum in Peenemünde. „Aber ihre Kindheit haben sie nicht wieder gefunden“, meint Horst Deuker. „Vielleicht habe ich aus diesem Grunde selbst keine Gelegenheit gesucht. Ich möchte die schönen Erinnerungen nicht verwischen.“ Auch die Fotos vom Strandkorb seien bei den vielen Umzügen verloren gegangen.

 

Peenemünde in Frankreich

In Vernon an der Seine arbeiteten nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 150 deutsche Wissenschaftler an streng geheimen Rüstungsprojekten für Frankreich. Das auf einem bewaldeten Hochplateau angesiedelte Laboratoire de recherches balistiques et aéro-dynamiques (LRBA) gilt als Wiege der französischen Raumfahrt. Im „Peenemünde von Frankreich“ wurden auch europäische Projekte wie die Ariane-Rakete entwickelt. Horst Deuker war einer der Mitarbeiter.

Steffi Schweizer

 

 

Presseschau

 

/OZ/MANTEL/WELT vom 26.04.2013

Im All muss dringend aufgeräumt werden

Experten planen Beseitigung von Weltraumschrott.


Darmstadt (OZ) - Weltraummüll muss so schnell wie möglich beseitigt werden, sonst droht der Raumfahrt auf einigen Flugbahnen das Aus. „Nur die aktive Beseitigung von fünf bis zehn großen Objekten pro Jahr kann die Zunahme von Weltraumschrott umkehren“, sagte Professor Heiner Klinkrad, Chef für Weltraumtrümmer bei der europäischen Weltraumorganisation Esa in Darmstadt.

Dort ging im Esa-Kontrollzentrum gestern eine internationale Tagung zu diesem Thema zu Ende. Vorschläge für Pilot-Vorhaben zur Beseitigung von Weltraumschrott sollten bald auf dem Tisch liegen.

„Ideal wäre innerhalb der nächsten zehn Jahre“, sagte Klinkrad.

Weltraummüll bedroht Satelliten für Wetterdaten, Handy-Netze und Navigation ebenso wie die Raumstation ISS. Nach Schätzungen rasen inzwischen mehr als 23 000 Objekte mit einer Größe von mehr als zehn Zentimetern mit einem Tempo von durchschnittlich 25 000 Kilometer pro Stunde um die Erde. An dem Treffen nahmen rund 350 Experten teil. Die Nasa war per Video zugeschaltet.

 

Wir danken für die eingegangene Spende
                                   Herrn Stüwe, Botho                    50,00 €
                            Herrn Gademann, Walter          50,00 €

 

 

 

 

 

 

Im April hatten Geburtstag

 

Herr Klaus Felgentreu, Karlshagen; Herr Jürgen Pein, Kirchheim;

Frau Roswitha Harke, Hannover; Frau Antje Schleifenbaum, Tangstedt-Rade;

Herr Werner Kuffner, Neeberg; Herr Rolf - Dieter Basler, Elmshorn;

 

Im Mai hatten Geburtstag

 

Herr Dr.med. Ernst Glaser, Garmisch-Patenkirchen; Herr Joachim Reuter, Mönkeberg;

Frau Ruth Lange, Dresden; Herr Wolfgang Vetter, Greiz/Sachswitz;

Frau Ulrike Chust, Peenemünde; Herr Michael Beinhardt, Duisburg;

Herr Kurt Graf, München; Herr Ralf Rödel, Karlstein;

 

Im Juni haben Geburtstag

 

Herr Peter Lange, Dresden; Frau Ute Schäfer, Wanderup;

Herr Rainer Koch, Peenemünde; Herr Hartmut Stöckmann, Pritzier

 Herr Bruno Krauspenhaar, Hohndorf;

Herr Gerhard Helm, Norderstedt; Frau Maria Klar, Flensburg;

 

                                                                                                                                                                                     

Herausgeber: Förderverein Peenemünde „Peenemünde - Geburtsort der Raumfahrt" e.V.,

Anschrift: Förderverein Peenemünde e. V.  Waldstraße 03  17449 Karlshagen; Tel.: 038371/20106; 038371/20695

e-mail: huebner-l@t-online.de   Homepage: www.foerderverein-peenemuende.de

Gestaltung: Gestaltung: Lutz Hübner und Klaus Felgentreu, Karlshagen; Druck: „Druck-mit-uns“ Sperberhorst 6 22459 Hamburg

Alle Rechte, einschließlich Fotokopie, Mikrokopie, Verfilmung, Wiedergabe durch Bild-, Ton- oder Datenträger jeder Art und des auszugsweisen Nachdrucks, vorbehalten. Die Vervielfältigung des Ganzen und von Teilen hieraus ist nicht gestattet, außer nach Einwilligung. Strafbar macht sich, wer in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ohne Einwilligung der/des Berechtigten ein Werk vervielfältigt

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Die Ahnen der Erdbeobachtung

 

Die Anfänge der Weltraumphotographie

von Gerhard Helm                            

 

Seit der Erfindung der Rakete durch die Chinesen im 13. Jahrhundert sind viele Versuche unternommen worden, diese für mehr als Feuerwerk und kriegerische Zwecke zu verwenden.

Die Verbindung der Rakete mit der Fotografie eröffnete Anfang des letzten Jahrhunderts neue Möglichkeiten, die gerade am Vorabend des Ersten Weltkrieges das Interesse des Militärs fand.

Prof Regener-a_filtered.jpgNach vielen Zwischenstufen mittels Ballons, Zeppelinen, Flugzeugen und sogar Brieftauben ergab sich in den 30er Jahren durch die Entwicklung der ersten, gesteuerten Flüssigkeitsgroßrakete, der „A4“ in Peenemünde, daß auch diese, obwohl nur für Kriegszwecke vorgesehen, ein hervorragender Träger wissenschaftlicher Geräte sein könnte. Diese Entwicklung wurde gegen Ende des Krieges noch einmal aufgenommen, kam aber nicht mehr zum Start. Gemeint ist die „Regener Tonne“, die statt Sprengstoff als Nutzlast für die A4-Rakete vorgesehen war und verschiedene Messgeräte tragen sollte.

..\Maul-Patent-cutcut.jpgFühler-b.jpg..\RegenerTonne-Fallschirm-PF7-b.jpgDer Konstrukteur, Professor Erich Regener (1882-1955), hatte schon im Jahre 1942 von Wernher von Braun einen Entwicklungsauftrag hierzu erhalten. Seine 1937 gegründete, private Forschungsstelle für Physik der Stratosphere wurde bald ins Kaiser-Wilhelm-Institut eingegliedert und erhielt so Zugang zu staatliche Forschungsaufträgen.

 

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Peenemünde, Montagehalle des

 Prüfstand 7: Versuche mit einem

Bänderfallschirm für die Regener Tonne

 

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                      Ein Lufttemperaturfühler

             Das vermutlich einzigste noch       existierende Teil der Regener Tonne

 

                                                    

                                                

 

Sehr viel früher jedoch, etwa um 1900, begann der sächsische Ingenieur Alfred Maul (1870-1942) aus der Nähe von Dresden mit Experimenten, die ihm etliche Patente einbrachten und die spätere Entwicklungen schon ahnen ließen.

Anders als viele Konstrukteure vor ihm löste er fast alle Probleme einer „raketenbetriebenen Kamera“. So benutze Maul einen Kreisel zur Stabilisierung. Die Kamera saß in einem drehbaren Gehäuse, verbunden mit einem kardanisch aufgehängten Kreisel. Dieser wurde vor dem Start ausgerichtet und auf hohe Drehzahl gebracht. So behielt die Kamera beim Aufstieg die gleiche Blickrichtung bei, während sich die Rakete um ihre Längsachse („Drall“, ein berüchtigtes Problem der A4) drehen konnte.

In einer späteren Entwicklung versuchte Maul auch, die Längsstabilisierung seiner Rakete durch einen Kreisel zu kontrollieren.

Dieses Konzept wurde erst wieder in den 30er Jahren durch Wernher von Braun aufgegriffen. Beim Modell „A1“ funktionierte das noch nicht, weil die Rotation der als Kreisel ausgelegten Raketenspitze nicht wirkte. Beim Modell „A2“ wurde der Kreisel in die Gerätemitte verlegt. Zwei erfolgreiche Starts im Dezember 1934 bestätigten die Funktion.

Mauls zweite, wichtige Idee war, die Trennung der Kamera vom Rest der Rakete vor der Landung. Am höchsten Punkt der Flugbahn wird ein Fallschirm ausgelöst, Oberteil und  Unterteil der Rakete schweben , nur durch ein Seil verbunden, zu Boden. Die Kamera landet so weich und unbeschädigt.

Maul-Startgest-c.jpgIm August 1906 konnte Maul auf einem Militärgelände nahe Königsbrück bei Dresden seine Photorakete vorführen.

Dazu errichtete er eine ca. 400 kg schwere Lafette zur Aufnahme der Rakete beim Start. Deren Gesamtlänge betrug 6 m, davon allein 4,60 m für den Stabilisierungstab mit Leitflächen. Unmittelbar vor dem Start wird durch elektrische Auslösung ein Gewicht vom Oberteil des Startgestells fallen gelassen. Dadurch wurde eine auf dem Kreisel aufgewickelte Schnur abgezogen und brachte diesen auf Drehzahl. Dann erfolgt der Start, ebenfalls durch elektrische Zündung.

Die dritte, große Idee von Maul war der Einsatz eines staudruckempfindlichen Schalters in der Spitze der Rakete, der kurz vor dem Kulimantionspunkt die Kamera auslöst. Dies ermöglichte verwackelfreie Aufnahmen, die mit einer am Fallschirm hängenden und somit pendelnden Kamera nicht möglich wären.

Ein wirtschaftlicher Erfolg waren Mauls, später noch zu Ehren kommenden Erfindungen nicht, auch das Militär zeigte sich wenig begeistert, machten doch die Fortschritte in der Luftfahrt das Fotografieren aus Flugzeugen einfacher.

Mauls Fotorakete ist heute im Deutschen Museum zusammen mit den wenigen, erhaltenen Fotografien zu besichtigen.

                                                                                                                                    Der Maul'sche Startturm

 

Wie bereits zuvor beschrieben, durfte die Peenemünder Entwicklung der gesteuerten Raketen in den Kriegsjahren nicht für wissenschaftliche Zwecke verwendet werden. Erst mit der „Regener Tonne“ wurde ein Anfang zur Höhenforschung gemacht.

A4-Start White-Sands-b.jpg                                                                               

WhiteSands 014c.jpgDie Verwendung der „A4“ in Amerika nach dem Krieg erhob die deutsche Rakete sozusagen zum Forschungsgerät. Die meisten der von White Sands, Neumexiko, gestarteten Raketen trugen wissenschaftliche Geräte ins Weltall, natürlich auch Foto- und Filmkameras. Deren heile Bergung gelang ebenso wie bei Alfred Maul durch Verwendung eines Fallschirms für die Spitze nach der Trennung von der Rakete.

 

 

 

                                                                Aufnahme vom 5. August 1948 aus einer Höhe

                                                                                                                                            von 162 km über der Wüste von Neumexiko                                                                                                                                            Blickrichtung Westen zum Pazifik

                                                                                       

 

Quellen:

DM, Mathias Knopp "Die Fotorakete von Alfred Maul", 2003

Max-Planck-Gesellschaft, Michael Globig, "Mit der Tonne in die Atmosphere", 2006

Bilder: Archiv V2-Research-Group, USA

Bomben auf Peenemünde/Karlshagen

-Operation Hydra wird vorbereitet-

 

Aufnahme des Prüfstand VII von E.P.H.Peek vom 20.06.1943

Bild: RAF

Dem Angriff auf Peenemünde war eine umfangreiche Aufklärung der Engländer vorausgegangen. Hochfliegende „Spitfires“ und „Mosquitos“ wurden dafür eingesetzt. Am 23.06.1943 wurde der Zentralen Auswerteeinheit AIUC, in der Nähe London, Luftbilder des Peenemünder Versuchsgeländes vorgelegt. Die Luftbildaufnahmen hatte der Oberfeldwebel E.P.H. Peek gemacht. Damit wurden Berichte über eine mögliche Raketen-Produktion in Peenemünde bestätigt.

Im Juni 1943 entschied deshalb der britische Premierminister, Winston Churchill, die Anlagen in Peenemünde anzugreifen und leitete damit die Vorbereitung für die Operation „Hydra“ ein.

Der Führungsstab der Royal Air Force entschied in der „Bomber-Command-Operations-Order No°. 176“ einen „tödlichen Schlag bei Mondschein“ durchzuführen. Der Bombenangriff hatte zum Ziel, erst die Wohnsiedlung der Wissenschaftler und dann die Technischen Anlagen zu vernichten.

 

Im nächsten Infoblatt setzen wir fort.

 

kf

 

Neues vom Büchermarkt

 

In den Buchhandlungen (zumindest in Karlshagen, Strandstraße) ist ein neues Buch über die Denkmallandschaft Peenemünde erhältlich. Die Autoren Leo Schmidt und Uta K. Mense sind von der Technischen Universität Cottbus. Mitglieder dieser UNI, unter Leitung von Prof. Leo Schmidt, haben bekanntlich 2011 ein umfangreiches Programm zur Erfassung aller Überreste Penemünder Denkmäler  durchgeführt und Vorschläge für die weitere Nutzung der Peenemünder Denkmallandschaft erarbeitet. Das wurde in einer Ausstellung im HTM dargestellt und dokumentiert.

Das vorliegende Buch ist als wissenschaftliche Bestandsaufnahme sehr interessant.

 

kf