Peenemünde: Neuer Blick auf Geschichte im Sperrgebiet
- Förderverein Peenemünde e.V.

- 5. Juli 2017
- 2 Min. Lesezeit
OZ vom 4. Juli 2017, S. 7:
Peenemünde: Neuer Blick auf Geschichte im Sperrgebiet
Seit 1936 ist das Areal gesperrt / Historische Orte sollen künftig erlebbar werden
Von Martina Rathke
Peenemünde. Der Norden der Insel Usedom ist ein wahres Naturrefugium, Forschungsobjekt für Historiker, Gedenkort, aber auch Pilgerort für Raumfahrtjünger. Unberührt vom Menschen gedeihen hier Biotope in Bombentrichtern, wachsen Bäume aus braunem Beton. Hier hat sich Natur über Geschichte gelegt.
Seit 1936 die Nationalsozialisten um Peenemünde ihre NS-Waffenschmiede zur Entwicklung der V2-Waffen aus dem Boden stampften, ist das Areal Sperrgebiet. Mehr als 10 000 Menschen waren hier für die Entwicklung der „Vergeltungswaffen“ tätig. In den Fertigungshallen wurden Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zur Produktion gezwungen. Nach Kriegsende war in Peenemünde die Nationale Volksarmee stationiert. Mit der Wende übernahm die Bundeswehr den historischen Ort, seit 2010 gehört das Areal der DBU Naturerbe.
Das mit vielen Mythen belastete Gebiet blieb gesperrt, Natur und Geschichte blieben für Interessierte nahezu unzugänglich – vor allem weil das Areal noch immer hochgradig munitionsbelastet ist.
Über Peenemünde wurden während der alliierten Luftangriffe Schätzungen zufolge knapp 11 000 Sprengbomben und rund 93 000 Brandbomben abgeworfen. Die Blindgängerquote wird auf 10 bis 15 Prozent geschätzt, wie der Leiter des Munitionsbergungsdienstes des Landes, Robert Mollitor sagt. Peenemünde gehört zu den Gebieten der höchsten Belastungskategorie 4. In diesen Gebieten stellt die Kampfmittelbelastung eine derartige Gefährdung dar, dass Experten die Notwendigkeit einer Beräumung sehen.
Nun will die DBU Naturerbe als Eigentümer der 2100 Hektar großen Flächen zusammen mit dem Historisch-Technischen Museum Korridore zu historisch spannenden Orten schaffen. Auf geführten Touren und mit qualitativ hochwertigen Informationen sollen Interessenten zu den Ruinen des Prüfstandes VII, dem Startplatz der ersten V2-Rakete, oder den Fundamentresten der sogenannten Waltherschleuder, Abschussplatz der V1, gelangen können. Bislang war ein beschränkter Zugang nur wenigen vorbehalten, die über den Museumsverein eine Führung buchten. Bis Winter soll ein Managementplan Naturschutz erarbeitet werden, der mit dem bestehenden Managementplan für die Denkmallandschaft in Einklang gebracht werden soll, sagt der fachliche Leiter der DBU Naturerbe, Werner Wahmhoff. Notwendig sei auch eine Überprüfung der Munitionsbelastung – und wenn notwendig eine Beräumung in diesen Korridoren. „Eine Munitionsbeseitigung im gesamten Areal ist aus Kostengründen nicht möglich“, so Wahmhoff. Das Vorgehen erfordert nicht nur wegen der Munitionsbelastung viel Sensibilität: In Peenemünde sind 137 Rote-Liste-Arten beheimatet.
„Peenemünde ist ein Denkmal mit vielen, auch extremen Konnotationen (Begriffsinhalten, d. Red.)“, sagt der Professor der TU Cottbus, Leo Schmidt. So gebe es die Extrempositionen, Peenemünde nur als Naturlandschaft oder nur als Geschichtszeugnis zu sehen. Doch Schmidt plädiert für einen prozesshaften Blick auf die Historie.
Das im ehemaligen Kraftwerk der Heeresversuchsanstalt beheimatete Museum Peenemünde, das die Geschichte des Ortes und der Raketentechnik dokumentiert, erlaubt einen sensiblen Blick auf die Geschichte. Bis zu 10 000 Besucher im Jahr seien möglich. „Mehr verträgt die Landschaft nicht“, sagt Museumschef Michael Gericke.





















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