Jahrestreffen 2025: Gemeinsamer Ausflug nach Pudagla am 4. Oktober 2025
- Förderverein Peenemünde e.V.

- 5. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. Okt. 2025
Nachdem am Vormittag unsere diesjährige Jahreshauptversammlung des Fördervereins Peenemünde e.V. erfolgreich abgeschlossen werden konnte, ging es am Nachmittag für uns in Richtung Pudagla.
Geplant waren ursprünglich die drei Punkte:
Schloss Pudagla,
Barackenfundamente unterhalb des Glaubensberges und
Forstamt Neu Pudagla.
Aufgrund des schlechten Wetters verzichteten wir jedoch auf den zweiten Punkt.
Um 15.00 Uhr trafen wir uns am Schloss Pudagla. Bei Kaffee und Kuchen im italienischen Eiskaffee im Schloss erläuterte uns Vereinsmitglied Thomas Köhler in einem Vortrag die Geschichte dieses Ortes im Zweiten Weltkrieg.
Das Schloss war mit seinen Nebengebäuden ("Domäne Pudagla") von Sommer 1943 bis Februar 1945 als Außenstelle der Heeresversuchsstelle Peenemünde unter der Bezeichnung "Karlshagen III" genutzt worden. Die komplette BSM-Direktion "Bordausrüstung, Steuerung, Messtechnik" (ab 1. August 1943: EW 22 "Abteilung elektrotechnische Geräte") unter Dr.-Ing. Ernst Steinhoff zog nach Pudagla um.
Schon sechs Wochen vor dem RAF-Luftangriff am 18. August 1943 auf Peenemünde wurde das Projekt der Außenstelle Pudagla (ASP) praktisch angegangen. Zuvor wurden alte Baupläne und Gebäudezeichnungen des Schlossen ausgewertet, die sich Mitte 1943 auch im offiziellen HVP-Bildarchiv fanden. Um den Bahnanschluss für die Peenemünder Nebenstelle zu gewährleisten, wurde mit russischen Hilfswilligen extra der Haltepunkt "Schmollensee" errichtet, der im RB-Fahrplan als "Tanneck" geführt wurde.
Die Kellerräume des Schlosses wurden zur Aufnahme von Akkumulatoren und Labor-Einrichtungen umgerüstet. Unter dem Schlosshof wurden als vorbeugende Luftschutz- und Evakuierungsmaßnahmen bei Luftangriffen unterirdische holzverschalte Stollen ausgebaut, die sogar mit elektrischer Beleuchtung und Telefonen versehen wurden. Der Kornboden auf der alten Brennerei wurden zum Speisesaal und Kinovorführraum umgebaut, zudem wurden die unteren Räume zu Büros und zur Küche ausgebaut. Die von Thomas Köhler präsentierten Forschungsergebnisse, Dokumente und Fotos hierzu waren für alle neu.
Neben den Umbauten und notwendigen baulichen Erweiterungen am Schloss mit seinen Nebengebäuden wurden im Jahre 1943 unterhalb des nicht weit vom Schloss gelegenen Glaubensberges nahe des Moores Schäfergrund drei massive Baracken für Werkstätten der BSM-Direktion errichtet.
Karlshagen III war fortan aufgeteilt in:
"ASP Schloss" (Schloss mit seinen Nebengebäuden, hier u.a. die Abteilung EW 222 Steuer- und Fernsteuertechnik unter Helmut Hoelzer)
"ASP Schäfergrund" (Baracken mit Stollen unterhalb des Glaubensberges).
Da wir aufgrund des starken Regens kurzfristig auf die Vorortbesichtigung der Barackenreste verzichtet hatten, erläuterte uns Thomas Köhler die dortigen Anlagen mit ausgedruckten Luftbildern, Karten, historischen und aktuellen Fotos.
Nach den für alle interessanten Ausführungen und dem Genuss von Kaffee und Kuchen, besichtigten wir den Schlosskeller, in dem einst der erste analoge Großrechner der Welt stand, das "Bahnmodell" von Helmut Hoelzer. Dies war nur möglich, weil uns der Bürgermeister von Pudagla, Fred Fischer, dankenswerterweise seinen Kellerschlüssel zur Verfügung gestellt hatte. Den geheimen Zugang zu den Stollen fanden wir zwar nicht, doch die Kellergewölbe aus dem 16. Jahrhundert beeindruckten alle. Im letzten Raum sahen wir dann auch noch die Gesteinsausstellung von Klaus Luchterhand, wo in mittlerweile eingestaubten Vitrinen auf Usedom gefundene Fossilien und Steinwerkzeuge präsentiert werden.
Als nächster Punkt auf unserer Tagesordnung stand der Besuch des Hoelzer-Gedenksteins am Forstamt Neu Pudagla. Der langjährige Leiter des Forstamtes Norbert Sündermann informierte uns in einem spannenden Vortrag über den Ort, an dem damals Ernst Steinhoff und Helmut Hoelzer untergebracht waren. Hoelzer lernte hier auch seine spätere zweite Ehefrau kennen, die Tochter des damaligen Revierförsters Paul Muschwitz.
Warum war Helmut Hoelzer so wichtig für Peenemünde? Helmut Hoelzer ist der Vater des sogenannten "Mischgerätes", des ersten vollelektronischen, einsatztauglichen Bordrechners, der als Herzstück der A4-Rakete diente und einen erfolgreichen Einsatz dieser erst ermöglichte. Das im Geräteraum der Rakete befindliche "Mischgerät" erhielt seine Eingangssignale von zwei als Richtgeber bezeichneten Kreiselgeräten (Horizont und Vertikant) und vom optional eingebautem Leitstrahlempfänger und gab nach der Berechnung der "Peenemünder Steuergleichung" in Echtzeit Korrekturbefehle an die Ruderanlage. Rein technisch gesehen war das Mischgerät ein Analogrechner, der bei Änderung von Eingangsgrößen in Echtzeit das Ausgangssignal entsprechend der vorgegebenen Funktion, deren Parameter auch variabel sein können, "berechnete". Dies war also der erste elektronische Analogrechner der Welt. Helmut Hoelzer war damals bewusst, dass die von ihm für das Mischgerät entwickelten elektronischen Rechenelemente auch für den Aufbau eines allgemeiner einsetzbaren Rechengerätes die Grundlage bilden könnten, was in der Folge zur Entwicklung des ersten elektronischen analogen Großrechners der Welt führte: dem sogenannten "Bahnmodell", mit dem die Flugbahnen der Raketen vorab im Labor simuliert wurden. Dieses Gerät wurde bis Ende der 1950-ger Jahre noch in Amerika benutzt.
Herr Sündermann schilderte uns lebhaft, wie Anfang er nach der Wende Dr.-Ing. Helmut Hoelzer kennenlernte und den weiteren Kontakt und Weg bis zur Aufstellung eines Gedenksteines ihm zu Ehren. Wir bedanken uns an dieser Stelle herzlich bei Herrn Sündermann für seine Zeit und seine höchst interessanten Ausführungen.
Den würdigen Abschluss des Tages bildete (mit einstündiger Verspätung) dann ein gemeinsames Buffet-Abendessen im Wasserschloss Mellenthin.


























































































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