Experte kritisiert das jetzige Gedenkstättenkonzept des HTI Peenemünde als zu "eindimensional"

Ostseezeitung vom 5. Juli 2005:
„Raumfahrt kommt im HTI zu kurz“
Jochen Stoehr, einstiger Senatsrat für Wissenschaft und Kultur aus Berlin, meint: Als reine Erinnerungsstätte hat das HTI keine Chance.
Von HENRIK NITZSCHE
Peenemünde „Der Ort ist einmalig, Peenemünde ist weltweit ein Begriff, der für die Ambivalenz der Entwicklung steht. Der Ort muss durch ein zukunftsweisendes Konzept besetzt werden“, sagt Jochen Stoehr, ehemaliger Leiter der Abteilung Forschung der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kultur in Berlin.
Anfang des Jahres besuchte er das Historisch-Technische Informationszentrum Peenemünde. Seitdem lässt ihn das Museum nicht mehr los. „Ungeachtet des Übergewichts an Schrifttafeln und der relativ geringen Zahl an Objekten, vermittelte sich mir der Eindruck, dass man sich hier an einem Ort befindet, an dem, eingebettet in den nationalsozialistischen Eroberungskrieg, die Raumfahrt begonnen hat. Angesichts der Macht der Bilder im Medienzeitalter und der Faszination authentischer Orte erschien das Potenzial des Ortes nicht hinreichend ausgeschöpft“, so Stoehrs Fazit nach seinem Besuch. „Die herausragende visionäre Ingenieurleistung einerseits, die freiwillige Instrumentalisierung für eine verbrecherische Kriegführung andererseits - die Funktion einer völlig neuen Technologie für die Menschheit, die mit Hilfe von deutschen Technikern weiterentwickelt, den einsetzenden Rüstungswettlauf bestimmt und schließlich in die zivile Raumfahrt mündet, diese Komplexität, die kein anderer Ort für sich in Anspruch nehmen kann, wird derzeit unterhalb der vorstellbaren Möglichkeiten dargestellt - sowohl was die Sache selbst, als auch, was den Bedarf der auf Anziehungspunkte angewiesenen Region betrifft“, schreibt der 67-Jährige. „Sollte hier nicht der Bund etwas tun können?“, fragte sich der Hauptstädter und knüpfte Kontakte zum Forschungsverbund Berlin und zum Bundesforschungsministerium. „Im März sprach ich mit einem Vertreter des Forschungsministeriums. Er schien grundsätzlich gegenüber Motiv und Argumentation aufgeschlossen, machte auf die ambivalente politische Problemlage aufmerksam und empfahl, zunächst vor Ort die Vorgeschichte zu erkunden, mit den Wahlkreisabgeordneten Kontakt aufzunehmen und stellte klar, dass der Bund von sich aus nichts unternehmen könnte, da das Land zuständig ist und dort die Initiative liegt.“
Bei einem Gespräch mit dem Bürgermeister und den Verantwortlichen des Museums erfuhr Stoehr von den finanziellen Zwängen des HTI, das als Eigenbetrieb der Gemeinde Peenemünde arbeitet. Aus Sicht des Hauptstädters steht Peenemünde vor einer Entscheidung: „Das Gedenkstättenkonzept ist eindimensional; hier scheinen Selbstbeschränkung und mangelnder politischer Mut die Feder geführt zu haben. Es ist finanziell nicht tragfähig. Die Besucherzahl wird weiter zurückgehen. Usedom hat überwiegend Stammgäste, denen man etwas Neues bieten muss“, so Stoehr. Für ihn wird das Potenzial des authentischen Ortes als Beginn des Raumfahrtzeitalters nicht hinreichend genutzt. „Die Reduzierung auf das Gedenkstättenkonzept ist weder in der Lage dauerhaft Mittel für den status quo zu erwirtschaften, noch wird das HTI auf Dauer Publikum anziehen können. Der Raumfahrt müsste man mehr Platz einräumen. Was einst unter schlechten Vorzeichen begann, wird heute friedlich genutzt. Warum zeigt man das nicht!“
Für Stoehr habe das HTI nur eine Zukunft mit einem komplexen Konzept, das die unterschiedlichen Aspekte integriert und die Entwicklung z.B. zu einem Space-Park offen lässt“. „Jetzt ist solide, konzeptionelle Arbeit von Fachleuten gefragt. Es ist sinnvoll, durch eine anspruchsvolle Konzeptstudie, an der Historiker, Politologen, Soziologen, Museumspädagogen, Raumfahr- und Tourismusfachleute mitwirken, eine Plattform und einen Rahmen zu schaffen, der der Politik die Möglichkeit gibt, Handlungsoptionen zu prüfen. Dazu gehört auch eine neue Trägerlösung.“ Dies sollte im Zusammenwirken von Land und Bund passieren, so Stoehr, der Denkanstöße geben möchte.





















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