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Chef der Marinekameradschaft Peenemünde in Sorge: „Ostsee könnte Kriegsnebenschauplatz werden“

  • Autorenbild: Förderverein Peenemünde e.V.
    Förderverein Peenemünde e.V.
  • 15. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Ostseezeitung (Usedom-Ausgabe) vom 15. Juli 2026, S. 10:


Karlshagener bewahrt Marinegeschichte


Wolfgang Telle leitet seit 35 Jahren die Marinekameradschaft Peenemünde / 22 Jahre war er bei der DDR-Volksmarine


VON HENRIK NITZSCHE


PEENEMÜNDE. Die Ostsee lässt Wolfgang Telle nicht los. Nicht nur weil sie sein Berufsleben geprägt hat, sondern weil sie ihm heute wieder Sorgen bereitet. Wenn der 75-Jährige die Nachrichten verfolgt, blickt er mit einem unguten Gefühl auf das Meer vor seiner Haustür.


„Früher hat die Bundesmarine uns mit Schiffsannäherungen und Flugzeugüberflügen provoziert, jetzt sind es die Russen. Da kann es schnell zu einer Eskalation kommen. Die Ostsee könnte zu einem Kriegsnebenschauplatz werden“, sagt der Karlshagener.


Telle kennt die Ostsee aus einer Zeit, als sich Nato und Warschauer Pakt auf See gegenüberstanden. Fast 22 Jahre lang diente er bei der DDR-Marine.


Kurz vor dem Ende der DDR schrieb er selbst ein kleines Stück deutsch-deutscher Geschichte. Im Frühjahr 1989 führte er die erste Delegation der damaligen Volksmarine nach Hamburg, wo sie die Bundesmarine besuchte.

„Wir waren in Zivil. Ein Feindgefühl kam da nicht auf“, erinnert er sich. Wenige Monate später fiel die Mauer. „Es deutete sich an, dass sich etwas verändert. Dass es dann so schnell geht, damit konnte niemand rechnen“, sagt der gebürtige Sachsen-Anhaltiner.


Für Telle war die Wende dennoch ein tiefer Einschnitt. Matrosen kamen plötzlich nicht mehr zum Dienst. „Man wusste nicht, wie es weitergeht.“ Seine Konsequenz: „Ich habe mich entlassen lassen.“ Der Fregattenkapitän orientierte sich neu und arbeitete bis 2016 in der Versicherungsbranche.


Wenn er jetzt die Bundesmarine mit der früheren Volksmarine vergleicht, fällt ihm vor allem eines auf: „Heute ist um 16 Uhr Feierabend, dann übernimmt ziviles Wachpersonal. Bei uns mussten ständig rund 80 Prozent der Besatzung an Bord sein“, sagt er.


Seit 1973 war Peenemünde seine dienstliche Heimat. Mit dem Ende der Marine wollte er nicht akzeptieren, dass auch ihre Geschichte verschwindet. 1991 gründete er die Marinekameradschaft (MK) Peenemünde, deren Vorsitzender er bis heute ist. In diesem Jahr feiert der Verein sein 35-jähriges Bestehen. „Wir haben die maritime Tradition in Peenemünde bewahrt“, beschreibt er den Gründungsgedanken. Von Anfang an habe der Verein politisch unabhängig gearbeitet. Anfangs begegneten ihm und seinen Mitstreitern dennoch viele mit Skepsis. Manche nannten sie „Ewiggestrige“.


„Wir wollten nicht die Hardliner sein“, sagt sein Stellvertreter Roland Kügler, der ebenfalls als Fregattenkapitän gedient hatte. Eigentlich habe er nach der Wende einen Schlussstrich ziehen wollen. Doch schon zwei Monate nach der Gründung trat er der Marinekameradschaft bei. „Ich merkte, dass die Kameraden etwas anderes im Sinn hatten.“


2010 öffnete sich der Verein bewusst für alle Interessierten. Eine militärische Vergangenheit ist seitdem keine Voraussetzung mehr. Heute zählt die MK rund 60 Mitglieder aus ganz Deutschland sowie eine Schiffsmodellbaugruppe mit neun Kindern und Jugendlichen an der Karlshagener Schule. Die „Zwiebel“ in Peenemünde ist zum Vereinslokal geworden.


Über viele Jahre pflegte die Marinekameradschaft enge Kontakte nach Karlskrona in Schweden und zur Flottille im polnischen Swinemünde. Doch die angespannte Sicherheitslage hinterlässt inzwischen auch dort Spuren.

Zur Jubiläumsfeier hatten sich drei hochrangige polnische Offiziere angekündigt. „Am Tag der Anreise haben sie aus fadenscheinigen Gründen abgesagt. Vielleicht haben sie politischen Druck bekommen“, vermutet Telle.


Das weckt Erinnerungen an die Polenkrise Anfang der 1980er Jahre. „Zwei Schiffe von uns lagen unter Bewaffnung in Swinemünde. Das war kurz vor dem Kriegszustand“, erinnert er sich. An die Begegnungen mit den sowjetischen Marinekameraden denkt er hingegen ganz anders zurück. Regelmäßig lief seine Einheit zu Übungen den Hafen von Tallinn an. Danach trafen sich deutsche und sowjetische Offiziere – mal auf dem einen, mal auf dem anderen Schiff. „Bier, Schnaps und ,100 Gramm‘ Wodka gehörten dazu“, erzählt Telle.


Bis die Treffen plötzlich nüchtern wurden: Während Michail Gorbatschows Anti-Alkohol-Kampagne Mitte der 1980er Jahre lehnten die sowjetischen Kameraden jedes Glas ab. Dass Russland heute Krieg gegen die Ukraine führt, macht ihn sprachlos. „Klar, wir hatten ein anderes Bild von ihnen.“


Wenn Telle auf seine Marinezeit zurückblickt, spricht er weniger über Manöver oder Dienstgrade als über das Leben an Bord. „Der Zusammenhalt und die Enge auf einem Schiff, das war etwas Besonderes“, sagt er. An vieles erinnert er sich gern. „Zurückhaben will ich diese Zeit trotzdem nicht.“



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OZ+ vom 14.07.2026:


Peenemünder Marinekameraden

Usedomer DDR-Marineveteran in Sorge: „Ostsee könnte Kriegsnebenschauplatz werden“


Fast 22 Jahre lang hat Wolfgang Telle bei der DDR-Marine gedient, heute bewahrt der Karlshagener ihre Geschichte mit der Marinekameradschaft Peenemünde. Der 75-Jährige blickt auf den Kalten Krieg, die Wende und die aktuelle Sicherheitslage, die er mit großer Sorge verfolgt.

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