Projektgruppe plant Technikmuseum in Peenemünde und Wiederaufbau des Prüfstands VII

Aktualisiert: 26. Aug.
Ostseezeitung (Usedom-Peene-Zeitung) vom 17. April 2009, S. 9
Kühne Vision: Arena mit Prüfstand VII
Die Darstellung der Entwicklung der Raketentechnik in Peenemünde kommt zu kurz, sagen Matthias Brauer und Joachim Reuter. Deshalb haben sie ein Konzept für ein Technikmuseum entwickelt. Als Ergänzung zum HTI, wie sie betonen.
Von HENRIK NITZSCHE
Peenemünde. An einem Sommertag 2011 in Peenemünde: Eine kleine Schmalspurbahn bringt Gäste zum Ausstellungsgelände. Umgeben von einem Wall können die Besucher in der Arena den nach historischen Vorlagen wieder errichteten Prüfstand VII besichtigen. In der benachbarten Montagehalle laufen Vorträge.
Hinter dieser kühnen Vision stecken Matthias Brauer und Joachim Reuter. Brauer, Architekt aus Ludwigsburg, und Reuter, Ingenieur der Howaldtswerke-Deutsche Werft in Kiel, wollen den Geburtsort der Raumfahrtgeschichte „greifbar machen“. „Wir planen in Peenemünde ein Technikmuseum. Das soll keinesfalls in Konkurrenz zum HTI stehen, sondern eine sinnvolle Ergänzung sein“, betont Brauer. Der Prüfstand VII, das Sauerstoffwerk und die Abschussrampe der V 1 sollen Hauptbestandteile des Museums werden.
Brauer kam vor drei Jahren nach Peenemünde. „Ich fand einen trostlosen Ort, dem Zerfall preisgegebene ehemalige NVA-Militärunterkünfte und durch dichtes Gestrüpp und von Bäumen überwucherte Schienen, Wege und Gebäudereste vor, die dem weltbekannten Prüfstand VII zuzurechnen waren. Diesen Ort so zu belassen ist unwürdig“, empört sich Projektleiter Brauer. Der 49-Jährige besuchte auch das Historisch-Technische Informationszentrum. „Das HTI deckt einen Teil der Weltraumgeschichte ab. Gut aufbereitet ist auch die Verstrickung zwischen Wissenschaftlern und Militärs sowie der verbrecherische Einsatz von Zwangsarbeitern“, findet der Ludwigsburger. Die Darstellung der „technischen Meisterleistung“ komme ihm aber zu kurz. Mit Joachim Reuter fand er einen Verbündeten. Beim internationalen Förderkreis für Raumfahrt holte er sich fachlichen Rat. „Das HTI versteht sich nicht als Technikmuseum, sondern als NS-Gedenkstätte“, findet Reuter, der aus Mönkeberg stammt.
Er schloss sich der 2006 gegründeten Initiative „Projektgruppe Technikmuseum Peenemünde“ an. Ziel der Gruppe ist es, „Peenemünde zu einem internationalen Treffpunkt für Interessenten der Raketentechnik und Raumfahrt“ zu machen. „Dort sollten sich Wissenschaftler und Techniker zu Symposien treffen“, sagt Reuter.
Seit vier Jahren hat Brauer das Projekt im Kopf. Mit der Gemeinde habe es Gespräche gegeben. Bei Alfred Gomolka im EU-Parlament, bei Bundestagsabgeordneten, im Landkreis und im Nordamt habe die Projektgruppe für das Museum geworben. Und bei der interministeriellen Arbeitsgruppe in Schwerin, die sich mit dem neuen Leitbild für das HTI und Peenemünde beschäftigt.
Jörn Mothes, Koordinator der Arbeitsgruppe im Bildungsministerium, bestätigte gestern Gespräche mit der Projektgruppe. Die Landesregierung habe dazu fachliche Stellungnahmen vom Naturschutz und der Bodendenkmalpflege gefordert. „Von der Landesfachstelle für Gedenkstätten erwarten wir auch eine Bewertung.“ Mothes versicherte aber, dass das Land „keine konkurrierende Einrichtung für das HTI Peenemünde unterstützen wird“. Mit der bevorstehenden GmbH-Gründung und der Zusicherung von 3,9 Millionen Euro für Sanierungsmaßnahmen habe sich das Land kürzlich zum HTI und Peenemünde bekannt. Die Übernahme der Peenemünder Waldflächen (rund 2600 Hektar) durch die Naturerbe GmbH – betrifft auch das Areal des Prüfstandes VII – sei in sich ein Widerspruch, findet Mothes. Naturnahe Wälder sollen dort entstehen.
Dennoch sind Brauer und Reuter fest entschlossen, „auch gegen Widerstände unser gestecktes Ziel zu erreichen“.
STIMMEN
Christian Mühldorfer-Vogt, Leiter des Historisch-Technischen Informationszentrums:
Ich kenne das Vorhaben. Den Initiatoren haben wir eine Kooperation vor dem Hintergrund wissenschaftlich seriöser Arbeit angeboten. Bei einem Nachbau des Prüfstandes müssen internationale Standards des Denkmalschutzes berücksichtigt werden. Es war schon immer unser Ziel, den Prüfstand VII in die Denkmallandschaft einzubeziehen. Aber in diesem sensiblen Areal Fahrradtouren hinzubekommen, ist schon schwierig. Wie soll das mit einem Museum funktionieren? Wenn wir in Peenemünde noch ein Museum bekommen, wird es für alle nicht einfacher.
Rainer Barthelmes, Bürgermeister der Gemeinde Peenemünde: Wir befinden uns derzeit in schweren Umbruchsgesprächen mit der GmbH-Gründung für das HTI. Deshalb will ich mich zum Technikmuseum jetzt nicht äußern. Zumal das Projekt im Land bekannt ist und ich von dort noch nichts gehört habe.
Volkmar Schmidt, Vorsitzender des Fördervereins Peenemünde: Ich würde das begrüßen, wenn das gemeinschaftlich mit dem HTI umgesetzt wird. In dem Naturschutzgebiet halte ich das Projekt aber für nicht durchführbar. Vielleicht gibt uns das aber die Chance, dass sich das HTI mit den Ideen der Projektgruppe weiter der Technik öffnet. Wir als Verein wollen vermitteln.
HINTERGRUND
Investitionssumme: rund 40 Millionen Euro
Matthias Brauer (49) ist seit 1989 als freier Architekt in Ludwigsburg tätig. Ein Jahr lang arbeitete er in den USA. Seit 2006 ist er Projektleiter der Projektgruppe Technikmuseum Peenemünde.
Joachim Reuter (59) ist bei den Howaldtswerken-Deutsche Werft in Kiel angestellt. Dort leitet er ein Projekt für ein Flugkörpersystem.
♦ Bei der Finanzierung setzt die Gruppe auf das Land. Zuerst sollte eine Projektgruppe gegründet werden, die ein konkretes Konzept erarbeitet. Erste Schätzungen gehen von Investitionen von rund 40 Millionen Euro aus. Die Investoren setzen auch auf EU-Fördermittel. Das Museum soll als GmbH geführt werden.




















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