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Zeitungsartikel zur Ortsgeschichte Karlshagens inklusive der Auswirkungen der Luftangriffe auf Peenemünde 1943/44

  • Autorenbild: Förderverein Peenemünde e.V.
    Förderverein Peenemünde e.V.
  • 30. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Juli

Nordkurier.de vom 30.07.2026:


Screenshot der Nordkurier-Webseite mit dem Artikel


Ostseeperle

Weiße Villen sind verschwunden: Düsteres Rätsel um das Seebad an der Ostsee


Hinter Strand und Dünen fehlt mehr als nur Bäderarchitektur. Die alte Seebadwelt wurde hier fast ausgelöscht.


Von Eike Moldenhauer


Karlshagen wirkt zunächst wie ein ruhiges Ostseebad: breiter Sandstrand, Dünen, viel Platz. Umso auffälliger ist, was hier fehlt. Wer auf Usedom unterwegs ist, denkt schnell an weiße Villen, Veranden und alte Pensionen. In Karlshagen ist davon kaum etwas zu sehen.


Warum die weißen Villen fehlen


Dabei begann der Ort tatsächlich als Seebad. Ab 1885 entstanden Seebrücke, Strandhotel und erste Unterkünfte für Badegäste. Diese Entwicklung brach jedoch früh ab. 1936 übernahm die Wehrmacht den Strandbereich, Unterkünfte wurden enteignet und die Seebadstruktur aufgelöst. In den folgenden Kriegsjahren trafen mehrere alliierte Luftangriffe Karlshagen und Peenemünde – zuerst der britische Angriff im August 1943, danach noch drei weitere schwere US-Angriffe im Sommer 1944. Hunderte Menschen kamen ums Leben, darunter Frauen, Kinder, Arbeiter, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Auf dem Ehrenfriedhof in Karlshagen wurden 333 namentlich bekannte Bombenopfer beigesetzt, weitere Tote lagen in einem Massengrab. Die Mahn- und Gedenkstätte am Ortsausgang Richtung Trassenheide erinnert daran. Von der alten Seebadbebauung blieb nach Krieg und Zerstörung kaum etwas übrig.


Wohnsiedlung in Karlshagen nach der Bombardierung 1943 (Foto: RAF, Gemeinfrei, Wikipedia)


Ganz verschwunden ist diese Zeit trotzdem nicht. Besonders auffällig ist der frühere Bahnhof Karlshagen-Siedlung. Er war der größte Personenbahnhof der Werkbahn nach Peenemünde. Zur Anlage gehörten drei Bahnsteige und ein langer Tunnel unter der Straße. Der Tunnel verband nicht nur die Bahnsteige, sondern diente auch als Luftschutzraum. Das hölzerne Bahnhofsgebäude gibt es nicht mehr, der Tunnel und Teile der Anlage sind bis heute erhalten.


Gesperrter und gefluteter Bahnsteigtunnel am ehemaligen Bahnhof Karlshagen-Siedlung. (Foto: Global Fish - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Wikipedia)


Ein Hafen mit spätem Start


Am Wasser folgt der nächste unerwartete Fakt. Der Hafen am Peenestrom gehört heute ganz selbstverständlich zu Karlshagen: Boote, Spaziergänger, Restaurants, Fischbrötchen. Dass er für einen Ort mit so langer Geschichte erstaunlich jung ist, vermuten viele nicht. Offiziell eröffnet wurde er erst am 30. Juni 1930 – zunächst als reiner Fischereihafen.


Lange blieb es dabei nicht. Mit dem Ausbau der Anlagen in Peenemünde wurde der Hafen stark erweitert und sogar an die Werkbahn angeschlossen. In DDR-Zeiten war er ein wichtiger Standort der Küstenfischerei. Erst nach 1990 änderte sich das Bild grundlegend. Aus dem Arbeits- und Zweckhafen wurde ein touristischer Bereich mit Yachthafen, Ausflugsschiffen und Ferienwohnungen. Heute ist er der größte Hafen des deutschen Teils der Insel Usedom.


Das riesige DDR-Ferienlager am Ort


Bis 1990 lag im Südosten Karlshagens bei Trassenheide das Pionierferienlager „German Titow“, später als Mehrzweckobjekt 14 bekannt – eines der größten Kinderferienlager der DDR. Auf dem Gelände standen rund 130 Finnhütten, dazu kamen Speisesaal, Klubhaus, Freilichtbühne, Appellplatz und ein Rettungsturm am Strand. In starken Jahren wurden hier in drei Sommerdurchgängen mehr als 1.700 Kinder betreut, 1982 sogar 2.277.


Zum Ferienalltag gehörten Baden, Sport, Lagerfeuer, Arbeitsgemeinschaften, Ausflüge und Veranstaltungen wie das Neptunfest. Gleichzeitig war das Lager eine NVA-Einrichtung, mit Appellen, Fahnenzeremonien und politischer Erziehung. Nach der Wende verfiel das Gelände zunächst, später wurden die alten Bauten abgerissen und das Areal neu entwickelt. Heute stehen dort Ferienhäuser und andere Urlaubsanlagen. Dass hier einmal Tausende Kinder ihre Sommer verbrachten, ist vor Ort kaum noch zu erkennen.


Wenn der Strand voller Felder steht


Im Hochsommer verändert sich der Strand für ein Wochenende komplett. Dann ist Karlshagen Austragungsort des Usedom Beachcups. Das Turnier gilt als größtes Beachvolleyball-Turnier der Welt und steht im Guinness-Buch der Rekorde. Über 90 Spielfelder werden dann gleichzeitig im Sand aufgebaut, dazu kommen mehr als 1.400 Sportlerinnen und Sportler auf über einem Kilometer Strand.


Für ein Wochenende ist der Strand dann kein ruhiger Badeplatz mehr, sondern eine große Turnierfläche mit Netzen, Feldern, Teams und Zuschauern. Viel mehr Beachvolleyball passt kaum an die Ostsee. Am kommenden Wochenende ist es wieder so weit.


Als zwei Wale vorbeizogen


Auch aus der Naturgeschichte des Ortes ist eine seltene Beobachtung überliefert. Im Juli 1913 wurden vor Karlshagen zwei Wale gesichtet. Karlshagener Fischer beobachteten die Tiere rund zwei Wochen lang. Die Wale begleiteten Boote ohne Scheu und schwammen sogar durch den Greifswalder Bodden. Einer der beiden wurde nahe der Greifswalder Oie erlegt, von einem Karlshagener Fischhändler gekauft und anschließend in Karlshagen und den umliegenden Orten gegen 20 Pfennig Eintritt gezeigt. Später bestimmte der Zoologe Willy Kükenthal das Tier als junges Weibchen eines Sowerby-Zweizahnwals – einer in diesen Gewässern sehr seltenen Art.


Kaum ein Ostseebad ist so eng mit den Brüchen des 20. Jahrhunderts verknüpft wie Karlshagen. Was heute wie ein ruhiger Urlaubsort wirkt, wurde von Krieg, Sperrgebiet, Fischerei und DDR-Ferienkultur so stark geprägt wie kaum ein anderer Ort an der Ostsee.


Quelle:


Hinweis: Im Originalbeitrag finden sich weitere Fotos, die aus Urheberrechtsgründen jedoch hier nicht von uns übernommen wurden.

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